Von Dawid Statnik, Vorsitzender der Domowina, zum Europäischen Tag der Sprachen 2021

Die Überwindung von Sprachlosigkeit ist der wirkungsvollste Friedensstifter auch in Europa. Kein Satz passt wohl so gut zum Alltag der Europäischen Union (EU) wie die Aussage von Umberto Eco: „Die Sprache Europas ist die Übersetzung.” Gesprochen werden auf unserem Kontinent Hunderte Sprachen, zwei Dutzend sind Amtssprachen der EU, drei fungieren in mehreren EU-Organen als Arbeitssprachen.   Es ist höchste Zeit für die Gründung eines „Hauses der Sprachen Europas” als europäische Institution.

Jede Sprache ist eigenes System der Weltbetrachtung

Sprache ist der Schlüssel zu jeglicher Entwicklung, ihr Gebrauch wird im Zeitalter der Informationsgesellschaft maßgeblich darüber entscheiden, wie das Haus Europa in zwei Generationen aussehen wird. Es reicht nicht mehr, die Anwendung des Prinzips der Übersetzung zu perfektionieren, wir müssen das Potenzial europäischer Sprachenvielfalt selbst direkt nutzen. Jede Sprache ist ein eigenes System der Weltbetrachtung und Erörterung der Existenz. Eine Übersetzung ist im Idealfall die gelungene Übertragung der Gedanken von einem muttersprachlichen System ins andere.

Sprachensterben führt zu apokalyptischer Verarmung der Welt

Dieser Vorgang ist selbst bei professionellster Handhabung mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Die Lösung kann nun ganz und gar nicht darin bestehen, dass wir irgendwann alle nur noch eine Sprache sprechen, denn das wäre mit einer unvorstellbaren, geradezu apokalyptischen Verarmung an Welt-Wahrnehmung verbunden, die weder Europa noch die Welt überleben würden. Wir erahnen ja bereits, welche katastrophalen Folgen das fortgesetzte Artensterben der Natur haben könnte, mit dem vor einigen Generationen eingesetzten Sprachensterben verhält es sich ebenso.  

Jede Sprache hat ihre besonderen Stärken

Die Frage sollte in Zukunft also nicht mehr vorrangig sein: In welche Sprache übersetzen wir wann was? Sondern welche Sprache ist wo und in welchem Zusammenhang das Original, der Ausgangspunkt. Jede Sprache hat ihre besonderen Stärken. So wird beispielsweise gern auf die philosophische Präzision des Deutschen verwiesen, und so hat eben jede Sprache ihr markantes Profil. Deshalb sollte es künftig selbstverständlich sein, dass der erste Text eines wichtigen EU-Dokuments auch mal in Bretonisch oder Baskisch, Romani oder Rätoromanisch, Samisch oder Sorbisch verfasst ist. Denn auch die Regional- und Minderheitensprachen sind ursprüngliche Ausdrucksformen europäischen Denkens.

Für ein „Haus der Sprachen Europas“

Aber auch für die kleineren unter den bisherigen Amtssprachen gilt: Das Vollsprachenregime kommt erst zu seiner Vollendung, wenn nicht nur garantiert ist, dass übersetzt wird, sondern alle regelmäßig in die Rolle des Originals schlüpfen dürfen. Welche Sorte von Rechtsakten der EU aber zunächst polnisch oder französisch vorzuliegen hat, möge das „Haus der Sprachen Europas“ beratend mitentscheiden, indem polyglotte Abgesandte aller Sprachgemeinschaften abstimmen, wie das Sprachen-Orchester besetzt wird und wer wann und wo die erste Geige zu spielen hat. Nur so kann eine Gleichwertigkeit von Sprachen entstehen. Alles andere führt zur Übung bekannter und leichter Wege – der Dominanz der Amtssprachen.

Aktive Sprachen-Landschaftspflege ist angesagt

Das „Haus der Sprachen Europas“ soll zugleich Steuerungsinstrument bei der Förderung von Mehrsprachigkeit sein. Damit geht ein Paradigmenwechsel einher: Nicht mehr der Schutz der einzelnen Sprache (vor der Globalisierung, vor dem Anpassungsdruck durch dominantere Sprachgruppen) ist das Ziel, sondern die Ermöglichung von regionaladäquater Mehrsprachigkeit. So wie im Naturschutz an die Stelle des klassischen Artenschutzes längst ein ganzheitliches Denken in Biotopverbünden getreten ist, bedarf es auch einer aktiven Sprachen-Landschaftspflege.

Sprach-Communities sind vitaler Ausdruck des Europas der Regionen

Bisher ist es so, dass die EU zwar die Mehrsprachigkeit fördert, es aber allein den Regierungen der Mitgliedsstaaten überlassen ist, welchen Rechtsstatus die einzelnen Sprachen erhalten und in welchem Ausmaß ihre Anwendung Unterstützung erfährt. Auf dem Territorium der EU gibt es neben den 24 Amtssprachen weitere 60 Regional- und Minderheitensprachen, die von schätzungsweise 50 Millionen Menschen gesprochen werden. Sprach-Communities, die teilweise administrative Grenzen innerhalb der Staaten, aber auch Staatsgrenzen übergreifen, sind vitaler Ausdruck des Europas der Regionen, das schon lange im Fokus der Kohäsionspolitik steht.

Wir brauchen Mindestrechte für alle Sprachen

Es ist inzwischen unstrittig, dass es eine Werteunion nicht ohne Rechtsstaatsmechanismus geben kann, verbindliche Normen von Rechtsstaatlichkeit. Elementarste und unverwechselbare Ausformung individueller und sozialer Identitäten vollzieht sich in der sprachlichen Artikulation des Denkens und Fühlens. Deshalb ist eine Normierung von Mindeststandards für alle Sprachen unerlässlich. Dafür und für die Unterstützung bei der Umsetzung vor Ort von Seiten der Europäischen Union kann das „Haus der Sprachen Europas“ Zuarbeiten leisten.

Nicht Konservierung, sondern Förderung von Entwicklungspotenzialen

Damit stellt sich die Europäische Union an die Spitze des Menschheitsprojekts, dem Sprachensterben wie dem Artensterben entgegenzuwirken. Dieser Verarmung an gesprochenem und geschriebenem Wort samt seiner Bedeutung und an grammatikalischen Ordnungsmustern des Daseins entgegenzuwirken hat nichts mit Konservierung zu tun, sondern mit Förderung von Entwicklungs- und Kreativitätspotenzialen.  

Gleichberechtigung in der digitalen Welt unabhängig von der Sprecherzahl

Das „Haus der Sprachen Europas“ sollte, abgesehen von einem Büro an zentralem Ort, vollständig digital aufgestellt sein. Mit einer Filiale in jeder Sprachgemeinschaft, die aus Menschen mit mobiler Informations- und Kommunikationstechnik besteht. Sie haben noch eine dritte große und langfristige Aufgabe zu meistern: die Implementierung und Initiierung von Software-Entwicklungen, die der barrierefreien Handhabung und Übersetzung aller Sprachen unabhängig von der Zahl der Sprechenden dienen. Es gibt vielfältige Initiativen zur Verankerung „kleiner“ Sprachen im Zeitalter der Digitalisierung, dieses Schlüsselthema darf nicht länger vom Enthusiasmus einzelner Aktivisten und Wohlwollen mächtiger Anbieter abhängig sein. Die Spracherkennung und Vorlesefunktion beispielsweise müssen gleich gut sein, egal ob es um Englisch oder Sorbisch geht.  

Sprach-Freiheit für alle!

Damit bereiten wir einem europäischen Zeitalter den Weg, in dem die Sprache der Welt die unmittelbare automatisierte Übersetzung ist – bei gleicher Sprach-Freiheit für alle. Denn Sprache ist Identität und  Grundrecht aller Menschen, unbenommen, welcher Staatsangehörigkeit und Sprachgruppe man angehört. Somit ist Sprachenvielfalt die Umsetzung der Grundrechte jeden einzelnen und damit ein Grundwert der Europäischen Union.

Auf dem Bild: Dawid Statnik / Fotografin: Isabella Fusaro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s