Dr. Annett Brězanec, Serbski institut Budyšin/Sorbisches Institut Bautzen

Hoyerswerda, 17.7.2021

Über den Anlass unseres heutigen Treffens erfahren wir aus einer Einladung der Domowina, veröffentlicht in der Zeitung Serbske Nowiny: „Geehrte Vereine, wir laden eure Vertreter zu einer Sitzung des Ausschusses der Domowina am Sonntag, den 24. Juli, in den Rathauskeller in Hoyerswerda ein. Tagesordnung: Umbau des Verbands in vier Unterverbände und zwar in: A. einen katholischen in Sachsen mit Sitz in Crostwitz, B. einen evangelischen in Sachsen mit Sitz in Bautzen, C. einen oberlausitzischen in Preußen mit Sitz in Hoyerswerda, D. einen niederlausitzischen in Preußen mit Sitz in Cottbus.“ Die Einladung ist aus dem Jahr 1921, wir erinnern uns somit heute an den 100. Jahrestag dieses Ereignisses – die zweite abschließende Gründung der Domowina (d. h. eine „Erneuerung“ nach der Gründung 1912/1913 und der Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg) und gleichzeitig die Gründung der Kreisverbände.

Mit den Worten „Domowina rediviva!“ – d. h. die Domowina ist wieder lebendig! beginnt der Zeitungsartikel über die damalige Zusammenkunft der Vertreter sorbischer Vereine. Es waren die Mehrheit der Vereine aus Sachsen vertreten sowie einige aus der preußischen Oberlausitz. Aus der Niederlausitz war niemand anwesend. In der Niederlausitz war ohnehin nur ein Verein Mitglied der Domowina. Nach der sorbischen Hymne und den einführenden Worten des Vorsitzenden Arnošt Bart „ging man zur Tagesordnung über, und zwar über die Bildung von vier Unterverbänden zu sprechen, … Einige vertraten die Meinung, dass in Sachsen nicht nach der Konfession zu teilen sei – wie es in der Einladung vorgeschlagen worden war, sondern nach Regionen. Die Vereine schließen sich dem Verband entweder entsprechend der Landkreise (Kamenz, Bautzen, Hoyerswerda und Cottbus) oder nach praktischen Verbindungen an. Jede Abteilung wählt ihren Vorstand, der wiederum engen Kontakt mit dem Bundesvorstand hat. Jeder Unterverband schickt zwei Vertreter in den Bundesvorstand. In diesem Sinne wurde der erste Tagesordnungspunkt angenommen.

Warum die Kreisverbände gegründet wurden, erfahren wir aus den Satzungen der Domowina: „Veranstaltungen der Kreisverbände haben hauptsächlich die Aufgabe, auf die besonderen Verhältnisse und Erfordernisse zu achten und das Vereinsleben als solches zu unterstützen. Ihre Bedeutung und Aufgabe liegt daher mehr in der inneren als der äußeren Organisationsarbeit. Das äußere Auftreten wird in direktem Weg vom Verein zur Zentrale geregelt.“

Ausgangspunkt unserer heutigen Erinnerungsveranstaltung ist vor allem die Bedeutung, die wir aus unserer Perspektive diesem Schritt beimessen. 1921 war die Gründung der Kreisverbände erst mal nicht mehr als eine Änderung der Organisationsstruktur. Aber mit einem innovativen Ziel: regionale Besonderheiten in der sorbischen Lausitz stärkere Beachtung schenken, den Zusammenhalt stärken, Kommunikationswege kurzhalten.

Ein Rückblick in die 1920er Jahre: Der erste Weltkrieg hatte die Tätigkeit des 1912/1913 gegründeten Dachverbandes sorbischer Vereine unvermittelt unterbrochen. In den Monaten nach Kriegsende ergriff die sorbische Autonomiebewegung die Lausitz. Die Verbundenheit der Sorben zu den seit 1918 staatlich eigenständigen Tschechen warf lange Schatten auf das sorbisch-deutsche Verhältnis.

Die Sorben getrauten sich an neue Formen eines nationalen Lebens: ein wendischer Wirtschaftsverein und die Aktiengesellschaft Wendische Volksbank mit Filialen in Hoyerswerda und Cottbus. Eine politische Partei, die Lausitzer, später umbenannt in Wendische Volkspartei. Neue, in Verbänden zusammengefasste Vereine, u. a. der Turnverband „Sokoł“ und der Verband wendischer Gesangsvereine. Zweifelsohne ein Aufschwung.

Gleichzeitig plagten sich die Sorben mit negativen Auswirkungen auf ihre Sprache und Kultur, z. B. die unbefriedigende Beachtung der sorbischen Sprache in Schule und Kirche oder die Konkurrenz deutscher Vereine. Es wurde geklagt über die Gleichgültigkeit der Sorben selbst und ungünstige Bedingungen. Die sorbische Zeitung berichtete über sorbenfeindliche Presseartikel aus – O-Ton – alldeutscher chauvinistischer Denkweise. Man schätzt ein: Die sächsische Regierung dulde das Sorbische, unterstütze es aber nicht. Und um Hoyerswerda „seien die dortigen Leute und Vereine mit preußischem Gift vergiftet“.

Die Bestrebungen des Dachverbandes Domowina waren ganz praktischer Art – das Vereinsleben mit Lichtbildervorträgen, Referenten, Theaterstücken, Kinderferienlager und bei der Festorganisation zu unterstützen. Als sich im April 1922 zum ersten Mal Vertreter der Vereine aus dem Kamenzer Kreis trafen, erklärte der Vorsitzende die Notwendigkeit des Verbands im Allgemeinen und der Kreisverbände im Besonderen. „Die Arbeit unseres Bundes fordert geradezu bis zu einem Punkt die Dezentralisierung. In den Unterverbänden kann die Arbeit um vieles besser nach den Bedürfnissen der jeweiligen Gegend, die viel Einzigartiges hat, organisiert werden.“ Dieser Grundsatz wurde von den Anwesenden einstimmig anerkannt.

Die damalige Zentrale hatte zwar ein Büro im Wendischen Haus in Bautzen, aber keine hauptamtlichen Funktionäre. Lediglich von 1924 bis 1927 war Herman Šleca als Sekretär des Vorstandes beschäftigt. In den 1930er Jahren wurde stundenweise eine Schreibkraft bezahlt. Die Dezentralisierung war somit ein wichtiger Schritt, um die Tätigkeit in Gang zu bringen und zu halten und auf mehr Schultern zu verteilen. Es sei nur an die begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten gedacht. 

Noch einiges Interessantes zum Thema: Die Quellengrundlage ist überaus begrenzt – die wichtigste schriftliche Quelle ist die sorbische Presse. Das überlieferte Aktenarchiv der Domowina bis 1945 besteht aus lediglich 14 Kästen. Sorbisch schreiben konnte nur ein kleiner Teil der muttersprachlichen Sorben, in den Schulen, besonders in Preußen, wurde es nicht gelehrt.

Eine amtliche deutsche Übersetzung von župa war gar nicht so einfach zu finden, entweder wurde es mit Gau oder Kreisverband wiedergegeben, vereinzelt mit Gebietsverband, heute Regionalverband.

Mittlerweile gibt es 5 Domowina-Regionalverbände, in der Anfangszeit fehlte das sorbische Kirchspiel Schleife. Im damaligen Kreis Rothenburg gab es 1921 nur einen Domowina-Verein, und zwar in Nochten.

Der niederlausitzische Kreisverband existierte nur auf dem Papier, obwohl sogar ein Kreisvorsitzender benannt wurde. Auch wenn dort, abgesehen von der Maśica Serbska, keine dörflichen sorbischen Vereine tätig waren, wurden von einer kleinen Gruppe von Protagonisten hin und wieder kulturelle Veranstaltungen organisiert, auch im Austausch mit der Oberlausitz.

Die Kreisverbände mit den Namen allen bekannten verdienstvollen Sorben werden – nach meiner Recherche – im Februar 1924 in einem Zeitungsbeitrag erstmalig erwähnt. Drei Kreisverbände tragen sie heute noch: „Jan Arnošt Smoler“, „Michał Hórnik“ und „Handrij Zejler“. Der nicht existente Kreisverband Niederlausitz wurde mit dem Namen „Hendrich Jordan“ bedacht.

Die Verantwortung für den Kreisverband hatte ein Kreisvorsitzender – sorbisch župan. Bis 1937 übten das Amt aus: Arnošt Bart und Pawoł Krječmar (Bautzen), Jan Haješ (Hoyerswerda), die katholischen Geistlichen Jan Wjenka, Jakub Šewčik, Jurij Delan und Jurij Hórnik (Kamenz). Für die Niederlausitz wurde Bogumił Šwjela benannt.

Was kann man sich vorstellen als Arbeit im Kreisverband? Im Wesentlichen hieß das, dass der Kreisvorsitzende die entsprechenden Vereine in den zentralen Domowina-Versammlungen vertrat. Ihm oblag die Berichterstattung. Zusätzlich zu den „allsorbischen“ Volkstreffen fanden regionale Festivitäten statt wie 1929 in Klix, 1930 in Dresden, 1931 in Göda, 1935 in Rosenthal und in Hoyerswerda und auch das Trachtenfest in Vetschau soll an dieser Stelle genannt sein.

Es dauerte einige Jahre, bevor das System aus Kreisverbänden zu funktionieren begann. Aber schon 10 Jahre später, in den Jahren des Nationalsozialismus wurde die Tätigkeit der Vereine und ihres Dachverbandes mehr und mehr behindert. Die Domowina-Leitung unter dem neuen Vorsitzenden Pawoł Nedo versuchte, der Organisationsform des Dachverbandes eine neue Struktur zu geben. Die Kreisverbände sollten Bestand haben. Schlussendlich verboten die Nationalsozialisten 1937 jegliche Tätigkeit sorbischer Vereine. Sowohl die politischen Maßnahmen als auch die allgemeine gesellschaftliche Atmosphäre schlugen eine riesige Wunde in das Sorbentum, von der es sich in vielen Gegenden nicht mehr erholte.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges erwies sich die Organisation in Kreisverbänden als förderlich. Die Besatzungsmacht agierte auf Kreisebene. Beispielsweise bezog sich die oft zitierte Erlaubnis für die Domowina im Mai 1945 zuerst nur auf den Landkreis Bautzen. Außerdem wurden die Existenz und Tätigkeit von Vereinen nach bürgerlichem Recht nicht erlaubt – das konnten die in den Kreisverbänden zusammengefassten Ortsgruppen auffangen.

Eine kleine Auswahl von Ereignissen aus den Kreisverbänden in der Nachkriegszeit: 1947 fanden die ersten beiden Kreisverbandstreffen statt, und das in Hoyerswerda – mit Gottesdienst und Umzug durch die Stadt – und Crostwitz. Für Kinder aus dem Kirchspiel Schleife organisierte der Kreisverband Kamenz einen Ferienaufenthalt in sorbischen Familien. Die politischen Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der Domowina führten dazu, dass drei Kreisvorsitzende dazu genötigt wurden, sich für die Domowina oder den Nationalrat zu entscheiden: Korla Wirt – entschied sich für den Nationalrat, Pawoł Lubjenski – für die Domowinu und Franc Natuš – entschied sich für den Nationalrat, ließ aber dennoch wieder als Domowina-Kreisvorsitzender wählen.

1946 wurde endlich die erste Domowina-Gruppe in der Niederlausitz gegründet. In Cottbus arbeitete ein Sekretariat, eine offizielle Erlaubnis für diese Tätigkeit erhielt die Domowina seitens der brandenburgischen Landesregierung erst 1950. Man begann tätig zu werden, allerdings, so schreibt die sorbische Presse, „wird ihre Arbeit dort sehr behindert“. In den 1950er Jahren entstanden in der Niederlausitz die Kreisverbände Cottbus, Guben/Forst, Calau/Lübben und Spremberg.

Als exterritorialer Kreisverband entstand 1951 der Hochschulverband „Jan Skala“. Nur in diesem Kreisverband standen bis 1990 zeitweise auch zwei Frauen an der Spitze. Ebenso existierte einige Jahre ein eigenständiger Kreisverband nur für die Stadt Bautzen.

Während der DDR-Zeit entwickelte sich der Organisationsaufbau der Domowina zu einem bürokratischen System analog zum sozialistischen Zentralismus. Das diente vor allem dazu, die von Partei und Staat vorgegebene Politik und Ideologie durchzusetzen und Kontrolle auszuüben. Die Arbeit in den Kreisverbänden übernahmen Sekretariate mit hauptamtlichen Angestellten. Die Funktion des ehrenamtlichen Kreisvorsitzenden war rein formell und bedeutungslos. Es etablierte sich ein steifes System mit Planung und Berichterstattung, Wettbewerben, vorgeschriebenen Vorträgen, Kreisfestivals usw.

Genug einer Darstellung der Organisationsstruktur in der Geschichte. Meine Ausführungen möchte ich mit der Bemerkung schließen, dass erst die politische Wende 1989 die Möglichkeit bot, die eigentliche Idee der Kreisverbände wiederzubeleben und erfolgreich auszubauen, auf die Besonderheiten des sorbischen Lebens in den verschiedenen Regionen zu achten und dieses Potenzial zum Wohl der Sorben zu nutzen.

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